Comics & Politische Propaganda


Pierre Lippuner
8. Juli 2017
Kategorie: Design, Illustration, Text

Comics & Politische Propaganda

Wir sind mit Superman, Donald Duck und Iron Man aufgewachsen. Wir haben in unseren Tagträumen an der Seite von Asterix gegen die Römer gekämpft. Als Onkel Ben in den Armen Spidermans starb, haben wir mitgelitten und mit Tim und Struppi bereisten wir die Welt. Doch die bunten Bildchen mit den Sprechblasen waren nicht immer nur ein Mittel der Unterhaltung, sondern auch effektive Werkzeuge der Propaganda.



Drei Kontinente, drei Kulturen

Wann und wo der Comic effektiv entstanden ist, darüber streiten sich die Experten. Fakt ist jedoch, dass sich ungefähr zur selben Zeit drei vorherrschenden Comickulturen in der Welt bildeten. In Europa entwickelte sich ab 1930 unter dem Tim und Struppi-Schöpfer Hergé die franko-belgische Comicszene. Unter Rakuten Kitazawa entstand in Asien der japanische Manga 1932 und in Amerika entsprang der Comic zwar in der Form von kurzen Strips der Sonntagszeitung bereits 1889, doch erst 1938 brach durch die Erfindung von Superman das sogenannte Goldene Zeitalter an.

Der Comic und der Weltkrieg

Comic, so wie wir ihn heute kennen, war also vergleichsweise jung als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Dass Journalisten, Autoren und Künstler das Zeitgeschehen in ihren Werken kommentieren, ist für uns nicht weiter verwunderlich. Dass es die damaligen Comiczeichner also mit ihren Figuren den Krieg thematisierten, erstaunt wenig. Viele Autoren traten daher dem War Writers Board (WWB) bei, eine private Organisation, welche staatlichen Behörden bei der Propaganda-Arbeit half.

Als Amerika 1941 dem Krieg beitrat, war die Propaganda-Maschine längst in vollem Gange. Superman kämpfte bereits gegen die Nazis und Japaner, kurze Zeit später betrat Marvels Captain America die Bildfläche und stellte sich Hitler oder seinem Erzfeind und Nazi Red Skull. Aber auch andere Zweige der Unterhaltungsindustrie mischten mit. So produzierte Walt Disney Productions ab 1942 exklusive Trickfilme für die U.S.-Regierung.
Und egal an welcher Front, hinter welcher Explosion: Überall waren die bunten Comics anzutreffen. Sie dienten der Unterhaltung, der Ablenkung in den Schützengräben, als Idealisierung des Krieges und vor allem zur Steigerung der Moral. In manchen Fällen mussten Millionen von Ausgaben pro Monat gedruckt werden, um dem Verlangen der Soldaten, der amerikanischen Bevölkerung und den Fans in den Kriegsgebieten gerecht zu werden. Der unmoralische Deal hatte sich gelohnt, die Comic-Industrie boomte.

Superhelden als Ikonen

Die frühen Superhelden waren einfache, eindimensionale Charaktere. Sie waren Verkörperungen der Moral, Ikonen des amerikanischen Traums, sie waren fehlerfrei und Schwächen besassen sie beinahe keine. Superman war unverwundbar und unbesiegt, während seine Feinde entweder als das absolute Böse oder – wie im Falle der Japaner – als niedere Gattung Mensch dargestellt wurden.
Dass gerade Superman und Captain America von Soldaten und Bürgern verehrt wurden, grenzt beinahe an Ironie, denn beide entsprechen dem Idealbild des arischen Übermenschen. Beide sind jung und männlich, intelligent und in physischen Bereichen der menschlichen Rasse deutlich überlegen. Ironisch ist dabei auch, dass Captain America durch ein – von einem deutschen Arzt – entwickeltes Serum zu einem Supersoldaten wurde. Die ideologische Waffe der Nazis wurde wortwörtlich gegen sie verwendet. Und gute Unterhaltung war es auch noch.

Die Szene in der Asche des Krieges

Mit dem Ende des Krieges hatte sich der Comic bereits als Kulturgut in Amerika integriert und ist bis heute nicht aus den Buchhandlungen, den Kinos oder dem Alltag vieler Menschen wegzudenken. In Japan explodierte die Szene kurz darauf unter dem „God of Manga“ Osamu Tezuka, welcher mit seinem 150’000 seitigen Lebenswerk ein ganze Kultur definierte. Die franko-belgische Szene baute sich nach der Nazi-Herrschaft mit Werken wie „Lucky Luke“ und später „Asterix und Obelix“ langsam wieder auf. Tim und Struppi kehrte ebenfalls in die Stuben Europas zurück, auch wenn sich Hergé mehrmals vor dem Kriegsgericht wegen seiner Arbeit für die – von Nazis kontrollierte – Zeitung Le Soir verantworten musste.

Comicpropaganda im Informationszeitalter

Auch heute noch werden Comics und ihre Helden für propagandistische Zwecke verwendet. Doch war es zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch zur Hetzerei und Glorifizierung, so hat man neuen Wege gefunden, Comics als Informationsmedium einzusetzen. Neben Werken wie „the 99“ (auf islamischen Werten basierenden Superhelden welche gegen Terror kämpfen), entwickelte DC Comics in Zusammenarbeit mit UNICEF eine Comicreihe rund um die Gefahren von unentdeckten Landminen.

Dabei wurden gezielt Kinder in betroffenen Regionen wie Bosnien angesprochen und die Comics in Waisenhäuser, Spitälern, Flüchtlingslagern und Schulen verteilt. Der Comic „Deadly Legacy, Superman“ erzählt beispielsweise die Geschichte von zwei bosnischen Jungen, welche vor dem Tod durch eine Landmine von Superman gerettet werden. DC Comics und UNICEF erhofften sich, dass die älteren Kinder ihr neu gewonnenes Wissen an Freunde, Bekannte und Familie weitergeben würden und dass so das Bewusstsein für die Gefahr weiter sensibilisiert wird.

2008 wurde der Manga von der U.S. Navy genutzt, um die japanische Bevölkerung über die Stationierung des atomar betriebenen Supercarrier USS George Washington aufzuklären. Die Stationierung hatte zuvor zu heftigen Protesten und Kontroversen geführt, weshalb für die Bevölkerung extra der Charakter Jack O’Hara entwickelt wurde – ein tollpatschiger, amerikanischer Matrose mit japanischen Wurzeln, welcher im Alltag in allerlei komische Situationen gerät. Die Navy war bei der Entwicklung des Mangas „CVN 73“ sehr darauf bedacht, die idyllische Landschaft des Inselreichs einzufangen, damit die lokale Bevölkerung die Abenteuer Jacks leichter erkennen und sich besser mit ihm identifizieren können.

Comic auf dem Weg zum Kulturgut

Und egal wie der Comic auch verwendet wird, ist er ein integraler Bestandteil der Popkultur geworden. Comics gibt es in digitaler Form für unterwegs, Bücher und Sammelbänder finden ihr Zuhause vor dem Kamin oder auf dem Klo, und Comic-Verfilmungen dominieren die Kinolandschaft. Die eindimensionalen Helden der 40er Jahre sind gross geworden, haben plötzlich Familien, Schwächen, Probleme. Schurken und Gangster haben plötzlich Motive, Gesichter und Geschichten und treffen in einem Kampf der Ideologien auf ihre Gegner.

Und wo auch immer Propaganda ist, gibt es auch Kritik. Der von Art Spiegelmann gezeichnete „Maus – die Geschichte eines Überlebenden“ erzählt die Geschichte seiner jüdischen Eltern im Konzentrationslager Auschwitz. Die tragische Geschichte zählt als eine der ambitioniertesten und besten Graphic Novels und wurde 1992 mit dem prestigeträchtigen Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Ein Novum für einen Comic. Aber vielleicht auch ein Wegweiser für eine relativ junge Szene.